Auroracoin – Eine Geschichte von Euphorie, Hoffnung und Absturz

Der Auroracoin sollte an die Einwohner Islands verteilt werden, um so etwas wie eine nationale Kryptowährung zu erschaffen. Eine Geschichte von Euphorie, Hoffnung und Absturz mit einem tragischen Ende.

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Was wurde eigentlich aus dem Auroracoin? Das ist dieser Altcoin, der zur Hälfte an die Einwohner Islands verteilt werden sollte und damit kurzzeitig zum Champion der Cryptoszene geworden war. Ende März begann die “Airdrop” genannte Ausschüttung von rund 10 Millionen Auroracoins an die Isländer. Für den Auroracoin leitete dies das Ende ein. Er wurde zum Opfer aggressiver Spekulanten, die den Markt manipulierten, und mächtiger Miner, die die Blockchain des Auroracoin mit purer Rechenkraft zerpflückten. Eine Geschichte über die Abgründe der Kryptowährungen – Pump’n’Dumps, 51-Prozent-Angriffe, Time Warps, Pool Hopping – und über einen Coin, der vielleicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt war.

Wartet, was passiert gerade? Sieht jemand auch diesen Wahnsinn?

Teilnehmer Auroracoin-Forum

Wer nach einem Beweis sucht, dass sich Märkte mitunter irrational verhalten, wird ihn im Niedergang des Auroracoin (AUR) finden. Baldur Friggjar Odinsson hat diesen Altcoin Anfang Februar 2014 veröffentlicht und angekündigt, dass er die Hälfte aller jemals existierenden Auroracoins – 10,5 Millionen – an die Isländer ausschütten wird. Odinsson versprach, die Technologie der Kryptowährungen zu nutzen, um den Isländern eine Alternative zur inflationsgebeutelten Krone zu geben. Eigentlich eine erfrischende Idee, oder?

Die Cryptoszene war begeistert, und bereits einige Wochen nach dem Release war der Auroracoin auf 150.000 Bits je Stück gestiegen. Das Paket, das Odinsson an jeden Isländer schicken wollte, war mehrere tausend Dollar wert, und der AUR war an Dogecoin, Litecoin und Ripple vorbeigezogen und rangierte in der Marktkapitalisierung auf Rang 2 – direkt hinter dem Bitcoin. Das war irrational, weil es von Anfang an klar war, es nur zwei Szenarien für den Airdrop gab, die für Spekulanten dieselbe Folge haben würden: Der Airdrop würde gelingen oder scheitern. Passiert das erste – sei es, weil Odinsson versagt, sei es, weil er ein Betrüger ist – wird er als gescheitert gelten und der Preis wird fallen. Passiert das zweite, werden Millionen neuer Auroracoins auf den Markt strömen, und der Preis wird ebenfalls fallen. Für ein Investment, das so oder so schlecht war, war der Auroracoin heillos überbewertet.

Am Tag des Airdrops, dem 26. März, schienen die Spekulanten dies zu begreifen. Man konnte zusehen, wie der Preis einstürzte und beinah minütlich nachgab – obwohl alles reibungslos ablief. Odinsson meinte es ernst und die Methode, die Coins über Facebook und eine nationale Einwohnerbank zu verteilen, funktionierte zwar nicht perfekt, aber viel besser als gedacht. Bereits am ersten Tag hat Odinsson gut 500.000 AUR ausgegeben. Die waren am Abend aber bereits kaum mehr etwas wert. Die Isländer erhielten eine Währung, die etwa so brauchbar war wie die Deutsche Mark im Oktober 1923.

Märkte sind eben zugleich rational und irrational; den Träumern gefiel die Vorstellung, Island eine neue Währung zu geben, die frei von Inflation und Kapitalkontrollen war, während den kühlen Rechnern klar war, dass der Preis nur fallen konnte. Auch die Isländer nahmen den Auroracoin entweder pragmatisch oder idealistisch an: Die Pragmatiker haben ihr Paketchen gegen Bitcoins verkauft, die verglichen mit Altcoins ein Hafen der Stabilität sind. Die Idealisten dagegen begannen, mit Auroracoins zu handeln. Es bildeten sich Facebook-Gruppen, jemand baute eine Online-Karte, die zeigte, wo Auroracoins akzeptiert werden, und es sah, trotz des Crashes, aus, als würde der Auroracoin irgendwie doch ein Erfolg werden. Ein Unglücksrabe hat sogar ein Auto gegen den Altcoin verkauft.

Allerdings setzte nicht nur der Markt dem Auroracoin zu, sondern auch die Miner. Der Auroracoin wurde am Tag des Airdrops von mehreren schweren Angriffen heimgesucht, und er wurde zum Exempel, dass man eine Blockchain mit nackter Rechenleistung zerfetzen kann. Was genau passiert ist, ist allerdings schwer zu sagen.

Pool Hopping, Time-Warp und 51-Prozent-Angriff

Mit Sicherheit fand der Angriff des “Pool Hopping” statt. Um ihn zu verstehen, muss man folgendes über das Mining wissen: Miner investieren Rechenleistung, um kryptographische Rätsel zu lösen. Wenn dies gelingt, finden sie einen Block, den sie an die Blockchain anhängen. Damit bestätigen sie die aktuellen Transaktionen und erhalten anschließend einige Coins als Belohnung. Um eine gleichmäßige Bestätigung von Transaktionen auch dann zu gewährleisten, wenn die Rechenleistung des Netzwerkes schwankt, passt sich die Schwierigkeit der Rätsel nach einer bestimmten Anzahl Blocks an die gesamte Leistung des Netzwerkes, die “Hashrate“, an.

Nun geschah es also, dass sich extrem starke Pools, die die Rechenleistung hunderter oder tausender Grafikkarten bündelten, auf den Auroracoin stürzten. Da die Rätsel bis dahin relativ leicht waren, fanden die Pools sehr schnell Blocks und räumten Auroracoins ab. Als sich die Schwierigkeit dann ans neue Niveau anpasste, zogen die Pools weiter. In der Folge waren die Rätsel viel zu schwer für die verbliebenen Miner und es dauerte lange, bis Blocks gefunden werden. Ein wenig trifft dies jeden Altcoin, doch zum Airdrop des Auroracoins war der Effekt so extrem, dass es Stunden anstatt der üblichen zehn Minuten dauerte, bis ein Block gefunden wurde. Das Netzwerk arbeitete in Zeitlupe.

Zugleich ist noch etwas anderes passiert, das aber nicht zu bestimmen ist. Gerüchten zufolge kam es zu einigen Katastrophen, die man “Time-Warp-Angriff”, “51-Prozent-Attacke” und eine unkontrollierte “Hard-Fork” nennt. Das ist etwa so, als würde ein Mensch gleichzeitig von Krebs, einem Herzinfarkt und einer Lungenentzündung heimgesucht.

Das Ausgangsszenario war die quälend lange Neuberechnung der Schwierigkeit. Zäh floss Block um Block, bis es endlich, nach mehreren Tagen, soweit war – die Schwierigkeit justierte sich neu. Man kann dies im Auroracoin-Forum nachlesen:

„Sieht aus, als wären wir immer noch bei Block 5379 und Bestätigungen waren den ganzen Tag langsam. Wenn wir 5400 erreichen haben, haben wir es geschafft, aber das ist eine schlechte Zeit, um so langsam zu sein, wie wir es jetzt sind.“

CoinHeavy

„Sieht aus, als greife ein Hacker Auroracoin für Lösegeld an.”

Dilbert

“Wir kriechen zu Block 5400. Bestätigungen sind langsam …”

CoinHeavy

“Noch neun Blöcke, mine mine mine”

Cryptor

“Es ist soweit 😀 Wooh! :o“

Aurorapool

“Wir haben die Fork erreicht … und nur ein paar Pools haben upgedatet … das ist schlecht … EDIT: Wartet, was passiert gerade? EDIT EDIT: Sieht jemand auch diesen Wahnsinn?”

Aurorapool

Die Time-Warp-Attacke

Die Time-Warp-Attacke Ist eine Art Mogeln bei der Neuberechnung der Schwierigkeit: Wenn ein Miner wiederholt den letzten Block vor der Neujustierung der Schwierigkeit findet und diesen zwei Stunden in die Zukunft versetzt, indem er das Datum manipuliert, kann er die Schwierigkeit drastisch senken. An sich funktioniert dies auch beim Bitcoin, aber das Netzwerk ist so stark, dass es unmöglich ist, gezielt und wiederholt den letzten Block zu finden. Wenn ein Angreifer darüber hinaus 51 oder mehr Prozent der Hashrate stellt, kann er die Schwierigkeit sogar auf 1 senken und eine neue Fork vom Genesis-Block beginnen. Etwas in der Art geschah beim Auroracoin.

“LOL. Geschätzte durchschnittliche Zeit je Block 12 Sekunden”

Rhelwig

Der 51-Prozent-Angriff

Diese Art des Time-Warp-Angriffs ist eine besonders schwere Form der 51-Prozent-Attacke. Wenn eine Partei mehr als die Hälfte Prozent der Hash-Rate des Netzwerkes beisteuert, kann sie einige Dinge machen, die nicht möglich sein sollten. So kann sie zum Beispiel – theoretisch – double spends ausführen oder die anderen Miner daran hindern, Blöcke zu finden. Der Angreifer kann wohl auch seine eigene Blockchain bilden, die dann schneller läuft als die anderen und diese womöglich verdrängt. Eine 51-Prozent-Attacke bedeutet nicht den Tod einer Blockchain, fügt ihr aber ernsthaften Schaden zu, stiftet zumindest sehr große Verwirrung in den Datenbanken und beeinträchtigt massiv die Eignung eines Coins als Währung. Im Falle des Auroracoins hatte wohl eine Partei mehr als 51 Prozent der Hashrate gestellt. Was angerichtet wurde, ist nicht ganz klar.

Die Hardfork

Kurz nach der Neujustierung titelte jemand auf bitcointalk: “Auroracoin – Forked and Game over”. Eine Fork bedeutet, dass sich die Blockchain gabelt, was ein haariger, gefährlicher Wendepunkt in ihrem Leben ist. Wenn es richtig läuft, stirbt die alte Blockchain ab und die neue läuft weiter. Wenn es schief läuft, so, wie angeblich beim Auroracoin, existieren mehrere Blockchains gleichzeitig und keiner weiß, welches die richtige ist. Für eine virtuelle Währung ist dies extrem ungünstig. Gibt es die Coins, die man hat, noch, und gilt die Transaktion, die man eben gemacht hat? Angeblich gab es drei Auroracoin-Blockchains gleichzeitig.

Das Team um Odinsson hat eingeräumt, dass es zu einer Hard Fork gekommen war, aber gemeint, diese sei geplant gewesen, um einen Bug in der Software zu reparieren, der die Time-Warp-Attacke ermöglicht hatte (auch diese hat Odinsson bestätigt). Eine geplante Fork ist ein schwieriges und riskantes Unterfangen, da alle Clienten updaten müssen, um die aktuelle Blockchain empfangen zu können, damit die alternativen Blockchains absterben können.

Einige Tage später war die Software wohl in allen Clienten upgedatet, es hat sich eine Version der Blockchain durchgesetzt und die Difficulty hat sich normalisiert. Dennoch war der Auroracoin für mehrere Tage gelähmt und am Abgrund. Hätte eine bösartige Partei den Willen gehabt, den Auroracoin weiterhin zu schädigen, wäre es wohl möglich gewesen, ihn durch Pool-Hopping und 51-Prozent-Angriffe permanent lahm zu legen. Dies zeigt, wie empfindlich eine Blockchain sein kann. Im Lauf der Diskussion um diese Angriffe meinte ein Miner, letzten Endes könne je Familie nur ein Altcoin überleben.

Jeder Coin hat einen Algorithmus, den die Miner berechnen müssen, um Coins zu erzeugen. So benutzt der Bitcoin seinen eigenen Algorithmus und die beliebten Scryptcoins einen anderen. Würde sich etwa ein Bitcoin-Klon aufschwingen, den Bitcoin von seinem Thron zu stoßen, könnten ihn die Bitcoin-Pools innerhalb kürzester Zeit lahmlegen, indem sie einen winzigen Teil ihrer gigantischen Rechenleistung auf den Klon umleiten und die Difficulty steigen und fallen lassen und 51-Prozent-Angriffe ausführen. Allerdings gibt es keinen wichtigen Bitcoin-Klon. Unter den Scryptcoins tummelt sich jedoch eine Menge Altcoins, von denen der Litecoin und der Dogecoin die mächtigsten sind, die sich in einer Art Gleichgewicht des Schreckens davon abhalten, sich gegenseitig zu zerstören, aber zugleich fähig wären, so gut wie jeden anderen Scryptcoin einzustampfen.

Das finale Pump’n’Dump

Der Auroracoin wurde nicht mehr angegriffen. Er war bereits am Ende. Es gab einige Tage nach dem Airdrop noch ein kurzes Pump’n’Dump-Spiel, was so etwas wie die 51-Prozent-Attacke der Spekulanten ist: Jemand kauft Auroracoins und zieht den Preis nach oben, um in anderen die Hoffnung zu wecken, dass es wieder aufwärts geht. Die anderen ziehen nach und kaufen ein. Der Pumper wird in dem Moment zum Dumper, sprich, er wirft die gekauften Auroracoins wieder auf den Markt und sammelt die Bitcoins ein, die ihm die anderen hingeworfen. Danach kann das Spiel wieder von vorne beginnen.

Beim Auroracoin hat es aber nur noch für eine Runde Pump’n’Dump gereicht. Danach blieb der Preis am Boden, wo er immer tiefer sackte. Da ein Paket des Airdrops kaum noch etwas wert war, ließ das Interesse nach und die Verteilung der Auroracoins kam bei 10 Prozent ins Stocken. Einige Isländer haben ihr Geschenk rechtzeitig in Bitcoins getauscht, andere haben Gegenstände gegen eine nun wertlose Währung verkauft. In einem Forum fragte jemand, ob der Auroracoin nun tot sei. Er erhielt keine Antwort.